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Taiwans Chip-Imperium hängt am russischen Tropf – Das versteckte Risiko der Tech-Welt

Taiwan dominiert die Chipfertigung, importiert aber massiv russisches Naphtha. Warum das die gesamte Tech-Industrie bedroht und was du wissen musst.

Taiwans Chip-Imperium hängt am russischen Tropf – Das versteckte Risiko der Tech-Welt

Eine Zahl verändert gerade alles: Sechs. So viel höher lagen Taiwans Importe von russischem Naphtha in der ersten Jahreshälfte 2025 im Vergleich zu 2022. Während der Westen Sanktionen gegen Russland verhängt und sich von Moskaus Energiequellen löst, pumpt ausgerechnet die Insel, die über 90 Prozent der weltweit fortschrittlichsten Computerchips produziert, mehr russische Rohstoffe in ihre Wirtschaft als je zuvor. Die Ironie könnte kaum größer sein – und die Konsequenzen für dein Smartphone, deinen Laptop und die gesamte KI-Revolution könnten dramatischer nicht sein.

Der Zusammenhang zwischen russischem Rohöl und den Chips in deinen Geräten erschließt sich nicht sofort. Doch wenn du verstehst, wie die moderne Halbleiterindustrie funktioniert, wird klar: Hier entsteht gerade ein geopolitisches Pulverfass, das die Weltwirtschaft erschüttern könnte. Taiwan sitzt im Zentrum zweier tektonischer Spannungsfelder – dem Technologiekrieg zwischen den USA und China einerseits, und der energiepolitischen Neuordnung nach dem Ukraine-Krieg andererseits. Beide Konflikte verschmelzen auf dieser kleinen Insel zu einem explosiven Mix.

Die unsichtbare Verbindung zwischen Öl und Silizium

Naphtha – dieser Begriff taucht selten in Tech-Nachrichten auf, dabei ist er fundamental für alles, was mit Halbleitern zu tun hat.

„Diese Chemikalie ist unglaublich wichtig. Sie ist im Grunde das Ausgangsmaterial für die Herstellung aller möglichen Chemikalien, die für die Halbleiterindustrie unerlässlich sind." - Luke Wickenden, Co-Autor der CREA-Studie

Was Wickenden hier beschreibt, ist eine Lieferkette, die den meisten Menschen völlig unbekannt ist. Naphtha, ein Erdölderivat, wird zu Petrochemikalien verarbeitet, die wiederum für Photoresists unverzichtbar sind – jene lichtempfindlichen Materialien, mit denen die nanometerfeinen Strukturen auf Chips geätzt werden. Ohne Naphtha keine Photoresists, ohne Photoresists keine modernen Prozessoren. So einfach ist die Gleichung, und so gefährlich wird sie, wenn du die geopolitischen Dimensionen einbeziehst.

Taiwan ist laut einem CREA-Bericht vom Oktober 2025 der weltweit größte Importeur von russischem Naphtha geworden. Die Formosa Petrochemical Corporation (FPCC), Taiwans größter Raffineriebetreiber, hat ihre Einkäufe aus Russland massiv hochgefahren – und damit eine Debatte ausgelöst, die weit über Taiwans Grenzen hinaus Wellen schlägt. Denn wenn TSMC, der unbestrittene König der Chipfertigung, indirekt von russischen Rohstoffen abhängt, dann hängt auch dein nächstes iPhone davon ab. Dann hängt die gesamte KI-Revolution davon ab.

TSMCs beeindruckende Zahlen verschleiern das Problem

Die Quartalszahlen von TSMC lesen sich wie ein Wirtschaftsmärchen. Im vierten Quartal 2025 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 1.046,08 Milliarden Taiwan-Dollar – das entspricht einem Wachstum von über 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Nettogewinn soll laut LSEG-Prognosen bei 475,2 Milliarden Taiwan-Dollar liegen, ein Plus von 27 Prozent. Die KI-Nachfrage treibt das Geschäft in schwindelerregende Höhen, und für 2026 prognostiziert IDC ein Umsatzwachstum von 25 bis 30 Prozent.

Du siehst an diesen Zahlen: TSMC ist nicht irgendein Unternehmen. Es ist das Rückgrat der digitalen Weltwirtschaft. Über 90 Prozent aller hochmodernen Chips mit Strukturgrößen unter sieben Nanometern kommen aus Taiwans Fabriken. Nvidia, Apple, AMD, Qualcomm – sie alle sind von TSMC abhängig. Wenn Taiwan hustet, bekommt die Tech-Welt Lungenentzündung. Diese Metapher ist keine Übertreibung, wie die Chipkrise während der COVID-Pandemie eindrucksvoll bewiesen hat.

Taiwans Exporte haben 2025 einen historischen Rekordwert erreicht, angetrieben von der unstillbaren Nachfrage nach KI-Hardware. Die Lieferungen in die USA sind in einigen Kategorien um 126 Prozent gestiegen. Amerika ist zum größten Abnehmer taiwanesischer Technologie geworden, und diese Abhängigkeit erklärt, warum Washington so nervös auf jede Entwicklung in der Taiwanstraße reagiert.

Das Energiedilemma einer verwundbaren Insel

Hier liegt der Kern des Problems: Taiwan importiert 97 Prozent seines gesamten Energiebedarfs. Über 80 Prozent der Energie stammen aus importierter Kohle und Flüssiggas (LNG). Die Insel ist energetisch gesehen ein Koloss auf tönernen Füßen – hocheffizient in der Produktion, aber extrem verwundbar in der Versorgung.

Diese Verwundbarkeit hat historische Gründe. Taiwan verfügt über praktisch keine eigenen fossilen Brennstoffe. Die geografische Lage macht Pipelineverbindungen zum Festland unmöglich – oder besser gesagt: politisch undenkbar. Also muss alles per Schiff kommen, was die Insel anfällig für Blockaden und Lieferunterbrechungen macht. In einem Szenario, in dem China Taiwan unter Druck setzen wollte, wäre eine Energieblockade ein verheerendes Werkzeug.

Dass ausgerechnet Russland hier als Lieferant einspringt, verkompliziert die Lage erheblich. Denn Moskau und Peking haben seit dem Ukraine-Krieg ihre Zusammenarbeit intensiviert. Du musst kein Geostratege sein, um zu erkennen, dass Taiwan sich hier in eine prekäre Abhängigkeit begibt. Russisches Naphtha fließt in die Produktion von Chips, die in amerikanischen Waffensystemen, Rechenzentren und Konsumgütern landen. Die Ironie schreibt sich von selbst.

Die politische Dimension: Freihandel vs. Sanktionslogik

„Nach dem Gesetz des freien Handels können Regierungen das Geschäftsverhalten privater Unternehmen nicht beeinflussen." - Jheng Ruei-He, leitender Analyst, Chung-Hua Institution for Economic Research

Diese Aussage des taiwanesischen Analysten offenbart das Dilemma, in dem sich die Regierung in Taipeh befindet. Taiwan ist eine marktwirtschaftlich organisierte Demokratie, in der private Unternehmen ihre Geschäftspartner selbst wählen. Anders als in China kann die Regierung nicht einfach dekretieren, woher FPCC sein Naphtha bezieht. Gleichzeitig steht Taiwan unter enormem Druck seiner westlichen Verbündeten, russische Importe einzuschränken.

„Im kommenden Jahr wird Formosa keine neuen Kaufverträge abschließen, sie sind jedoch offensichtlich nicht von der Erfüllung bestehender Verträge abgerückt." - Ciaran Tyler, leitender Analyst für Naphtha bei Kpler

Der Kompromiss, auf den sich die Beteiligten geeinigt haben, ist typisch taiwanesisch: pragmatisch, aber nicht radikal. Wirtschaftsminister Kung Ming-hsin hat angekündigt, dass FPCC nach Auslaufen der bestehenden Verträge Anfang 2026 keine neuen Liefervereinbarungen mit russischen Partnern mehr eingehen wird. Bestehende Verträge werden jedoch erfüllt – ein klassisches Sowohl-als-auch, das kurzfristig Stabilität garantiert, aber langfristige Fragen offenlässt.

Interessant ist, wie dieser Kurswechsel zustande kam. Es war nicht diplomatischer Druck aus Washington oder Brüssel, der den Ausschlag gab.

„Hier wird deutlich, dass koordinierter Druck durch regierungsunabhängige Organisationen und andere Thinktanks echte Veränderungen bewirken kann." - Luke Wickenden, CREA

Der CREA-Bericht vom Oktober 2025 löste eine parlamentarische Debatte in Taiwan aus, die letztlich zu dem Commitment von FPCC führte. Das zeigt: Zivilgesellschaftlicher Druck kann wirken, auch wenn staatliche Institutionen zurückhaltend agieren.

Die Diversifizierungsstrategie – zu wenig, zu spät?

Taiwan reagiert auf seine multiplen Abhängigkeiten mit einer Diversifizierungsstrategie, die auf mehreren Ebenen ansetzt. Bei der Energie setzt die Insel verstärkt auf erneuerbare Quellen – der Anteil von Wind- und Solarstrom wächst, während der Kohleanteil 2025 deutlich zurückgegangen ist. Tatsächlich hat Taiwan seine Kohleimporte aus Russland drastisch reduziert, nachdem sie unmittelbar nach der Ukraine-Invasion zunächst sogar gestiegen waren. Ein Muster, das du auch bei anderen asiatischen Importeuren beobachten kannst: Der initiale Opportunismus weicht langsam dem Druck zur Sanktionskonformität.

Auf der Chipseite verfolgt TSMC eine aggressive Internationalisierung. Neue Fabriken in Arizona und Japan sollen die Abhängigkeit von taiwanesischen Standorten reduzieren – nicht für TSMC selbst, aber für die amerikanischen und japanischen Kunden, die im Krisenfall eine Alternative brauchen. Die jüngsten Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen Taiwan und den USA, das Zollerleichterungen im Gegenzug für verstärkte Investitionen vorsieht, unterstreichen diese Strategie.

Für dich als Beobachter der Tech-Industrie bedeutet das: Die Ära der grenzenlosen Globalisierung geht zu Ende. Was über Jahrzehnte als Effizienzoptimierung galt – die Konzentration kritischer Produktion an wenigen Standorten –, wird nun als Risikofaktor erkannt. Die Pandemie hat es gezeigt, der Ukraine-Krieg hat es verstärkt, und die Taiwan-Frage bringt es auf den Punkt: Lieferketten sind geopolitische Waffen.

Was das für Anleger und Verbraucher bedeutet

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: TSMCs Dominanz wird mittelfristig nicht enden. Kein Wettbewerber – weder Samsung noch Intel – kann die technologische Lücke bei den fortschrittlichsten Fertigungsprozessen schließen. Die Investitionen, die TSMC über Jahrzehnte getätigt hat, sind nicht in fünf oder zehn Jahren einholbar. Das bedeutet für dich: Jedes Tech-Investment ist indirekt ein Taiwan-Investment, ob du das willst oder nicht.

Gleichzeitig preist der Markt die geopolitischen Risiken nur unzureichend ein. TSMCs Aktie bewegt sich auf Rekordhochs, getrieben von der KI-Euphorie. Die Naphtha-Abhängigkeit von Russland? Ein Fußnoten-Thema in Analystenberichten. Die China-Risiken? Regelmäßig erwähnt, aber selten in Bewertungsmodellen abgebildet.

Das ist keine Empfehlung zum Verkauf oder Kauf – es ist eine Aufforderung zur Wachsamkeit. Du solltest verstehen, dass die glänzenden Quartalszahlen von TSMC auf einem Fundament stehen, das fragiler ist, als es aussieht. Eine Eskalation in der Taiwanstraße, eine Energiekrise, ein plötzlicher Abbruch russischer Lieferungen – jedes dieser Szenarien könnte Schockwellen durch die globale Technologie-Industrie senden.

Der Blick nach vorne: Ein Mosaik aus Risiken und Chancen

Taiwan steht exemplarisch für die Widersprüche der modernen Weltwirtschaft. Einerseits ein technologisches Wunderland, das die digitale Infrastruktur des 21. Jahrhunderts ermöglicht. Andererseits eine geopolitisch exponierte Insel, die für ihre Energie auf fragwürdige Partner angewiesen ist. Die Lösung liegt nicht in einfachen Parolen, sondern in einem geduldigen Prozess der Diversifizierung – bei Energiequellen, bei Produktionsstandorten, bei politischen Allianzen.

Für die globale Tech-Industrie bedeutet das: Die nächsten Jahre werden turbulenter als die goldenen Zeiten der Globalisierung. Redundanz wird wichtiger als Effizienz, Resilienz wichtiger als kurzfristige Kostenoptimierung. Unternehmen wie TSMC, die das erkannt haben, investieren bereits Milliarden in geografische Diversifizierung. Ob das reicht, wenn die geopolitischen Spannungen eskalieren, steht auf einem anderen Blatt.

Du kannst diese Entwicklung als Risiko sehen oder als Investmentchance – wahrscheinlich ist es beides. Die Transformation der globalen Lieferketten schafft Gewinner und Verlierer. Wer die Zusammenhänge versteht, zwischen russischem Naphtha und taiwanesischen Chips, zwischen Energiesicherheit und technologischer Dominanz, hat einen Informationsvorsprung. In einer Welt, in der alles mit allem zusammenhängt, ist dieses Verständnis mehr wert als jede Aktienanalyse.

Taiwan wird die Chipfabrik der Welt bleiben, zumindest vorerst. Aber die Bedingungen, unter denen diese Fabrik operiert, verändern sich rasant. Das russische Naphtha ist dabei nur ein Symptom für ein tieferliegendes Problem: Die moderne Technologie-Industrie hat sich in Abhängigkeiten begeben, die sie politisch verwundbar machen. Diese Verwundbarkeit abzubauen, wird die große Aufgabe der kommenden Dekade sein. Ob sie gelingt, werden nicht Analysten entscheiden, sondern Geopolitik, Energie und – letztlich – der Zufall der Geschichte.

Tags: Technology

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